Engel, sphärische Klänge und Gedanken

Von Gudrun Szczepanek

Landsberg
Seit jeher macht Kunst Unsichtbares und Hintergründiges sichtbar. Zugleich zieht sie den Betrachter in einen Dialog über Inhalte und Deutungen. In Eresing hat sich in den letzten Jahren eine aktive Kunstszene formiert, die kaum zu überbieten ist. Nicht nur, dass sich eine Gemeinde hinter ihre Künstler stellt und sie aktiv durch Sponsoring und Bereitstellung entsprechender Räume unterstützt. Nein, auch die Künstler selbst zeigen wieder einmal ihren hohen künstlerischen Anspruch.

Mit der diesjährigen Ausstellung „Regional/International“ messen sie sich mit international anerkannten Künstlern. So ist im Erdgeschoss Robert Motherwell, einer der Hauptvertreter des abstrakten Expressionismus in den USA, mit mehreren Lithographien vertreten. Den gestisch starken Arbeiten sind weite, atmosphärische Landschaftsbilder in Farbholzschnitten und Acryl von Bernd Zimmer gegenübergestellt.
Im Obergeschoss begegnet uns schließlich Sigmar Polke mit einem 6-teiligen Graphikzyklus, der ironisierend und witzig mit Worten, Materialien und Bildern spielt. Von Polke kommt man direkt zu Karl Witti, nicht nur räumlich, sondern auch inhaltlich. Denn er spielt mit der ihm eigenen graphischen Raffinesse mit Bedeutungen und Vieldeutigkeiten. Die neue Reihe „Verworfenesundliegengelassenes“ zeigt in naturalistischer Altmeistermanier Pflanzenfragmente, die mit Figuren und zeichenhaften Dingen in Collagetechnik zu neuen Inhalten führen. Diese Hintergründigkeit ist typisch für den Künstler und lässt auch vor der Reihe der Engel unendlich Stoff für Diskussionen. Diese Engel basieren auf einer großen Bewunderung für die Gotik und die italienische Renaissancemalerei. Auch die Engel in Eresing sind geistiger Natur, doch bekommen sie durch die Szenarien, in denen sie agieren, zugleich eine albtraumhafte Präsenz.

Radikal reduzierte Malerei

Überraschend sind die neuen Arbeiten von Alexander Ewgraf, der sich letztes Jahr noch mit gestisch expressiver Malerei zeigte. Die Weichen für einen neuen künstlerischen Weg waren allerdings mit den ersten Streifenbildern bereits gestellt. Seine Malerei ist nun radikal reduziert auf minimalistische Streifen. Zeigt sich hier nicht eine Verwandtschaft zu den weiten Landschaftsstreifen von Bernd Zimmer? Allerdings schließt Alexander Ewgraf durch die exakte Trennung der Farben jegliche Assoziation an Landschaft von vornherein aus.

In einem weiteren Arbeitsschritt hat er der zweidimensionalen Malerei eine dritte Dimension hinzugefügt, indem die Malfläche quasi zum Zylinder aufgerollt erscheint. So entstehen nun Rohre, auf denen sich Farbakkorde wie Codes entfalten. Dabei spielt er ganz offensichtlich mit den Kompositionen, die immer wieder neu miteinander kombiniert werden können. Parallel zu diesen Arbeiten entwickelte er die abstrakte zweiteilige Raumskulptur, die sich in einer Scheune sanft im Wind wiegt.

Tobias Krug ist zum ersten Mal dabei. Auf den ersten Blick scheinen seine geometrischen Farbkompositionen den Streifen von Alexander Ewgraf verwandt zu sein. Doch resultieren seine Kompositionen aus völlig anderen Überlegungen und Inhalten. Er studierte an der Münchner Kunstakademie bei Ludwig Gosewitz in der Fachklasse Glas. Seit rund zehn Jahren beschäftigt er sich mit dem Phänomen Zeit und den Möglichkeiten diese zu visualisieren.

In dem Zusammenhang hat er sich intensiv mit Planeten und Sternbildern sowie ihren Bewegungen und Konstellationen am Firmament auseinandergesetzt. Mit Hilfe von Ephemeriden, das sind Tabellen, die die Positionen der Planeten täglich zu einer bestimmten Zeit wiedergeben, zeichnet er ihren Lauf mit unterschiedlichen Farben nach. Die Sonne ist gelb gekennzeichnet, Venus orange, Jupiter purpur, Saturn blau usw.

Um die Bewegungen der Planeten und damit den Verlauf der Zeit graphisch darzustellen, entwickelte Tobias Krug unterschiedliche Methoden. So zeigt z.B. der Glaskubus „Mozart“ auf sieben Glasplatten den Stand der Planeten zwischen 1756-1791, wobei das genaue Datum auf jeder Glasplatte eingraviert ist.

Als Raumgraphik ziehen nun farbige Schnüre den Planetenverlauf im Leben des Komponisten nach. In einem weiteren Schritt werden diese Raum-Zeit-Bewegungen in digitale Töne transferiert. Die sphärischen Klänge treten nebenbei in einen erstaunlichen Dialog mit den Objekten von Ewgraf.

Ausstellung „Vis-à-vis II“ wird am 4. Oktober, um 11 Uhr durch Dr. Thomas Goppel eröffnet und ist bis zum 12.Oktober im Ewgraf Atelier in Eresing (Kirchstraßse 4) zu sehen (Montag bis Freitag, 16 bis 19 Uhr und Samstag bis Sonntag von 11 bis 19 Uhr).

Jeweils Sonntag, 14 Uhr, führt der Kurator Christian Burchard durch die Ausstellung.

Landsberger Tagblatt 4.Oktober 2008

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