Grußwort des Bayerischen Staatsministers für Wissenschaft, Forschung und Kunst

Dr. Thomas Goppel, bei der Eröffnung der Ausstellung „Vis-à-vis 2008“ am 4. Oktober 2008 in Eresing.

„Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.“ Mit diesen Worten hat Johann Wolfgang von Goethe das Wesen der Kunst vortrefflich beschrieben. Kunst ist in der Lage, das zum Ausdruck zu bringen, was der Mensch oft nicht in Worte zu fassen vermag. Sie vermittelt die innerste Gefühls- und Gedankenwelt des Künstlers und lässt uns als Betrachter daran teilhaben. Aber nicht nur das: Die Sprache der Kunst ist universell und erlaubt somit den Austausch und die Begegnung über alle Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Eine solche „grenzenlose“ Begegnung findet heute hier in Eresing statt: Sechs Künstlerinnen und Künstler, die in den verschiedensten Regionen der Welt beheimatet sind oder waren, treffen sich zur Ausstellung „Vis-à-vis 2008“. Dazu darf ich Sie alle recht herzlich begrüßen!

Meine Damen und Herren, bei „Vis-à-vis“, das heuer zum zweiten Mal stattfindet, ist der Name Programm: Denn die Ausstellung beinhaltet eine Gegenüberstellung – besser gesagt: eine Begegnung von internationaler und regionaler Kunst. Oft denkt man bei „internationaler Kunst“ ja an die Metropolen dieser Welt. Mit „regionaler Kunst“ assoziieren nicht wenige dagegen den unbekannten Künstler in der Provinz. Diese vermeintliche Abgrenzung hat es in der Kunstgeschichte jedoch selten und nur sehr bedingt gegeben. Vor allem aber gilt das nicht für die heutige Ausstellung! So lebt und arbeitet zum Beispiel der Künstler Bernd Zimmer in einem Dorf nicht viel größer als Eresing. Und auch Alexander Ewgraf, der hier im Ort lebt, hat bereits eine internationale Karriere hinter sich.

Die Ausstellung grenzt nicht ab, sondern bringt Künstler einander näher. Sie ist eine „Einladung“ von Künstlern aus unserem Ort an solche, die schon ein Stück Kunstgeschichte repräsentieren. Die von den Eresingern selbst gelegte Messlatte ist damit sehr hoch. Sie bietet nicht nur die Hoffnung, sondern mir auch die Gewissheit, dass damit eine qualitativ hochkarätige Ausstellung zustande gekommen ist.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, das eingangs erwähnte Zitat von Goethe geht eigentlich noch weiter. Als Ganzes lautet es: „Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen; darum scheint es eine Torheit, sie wieder durch Worte vermitteln zu wollen.“
Dennoch stelle ich mich dieser Herausforderung und will im Folgenden versuchen, Ihnen die Künstler, die hier ausstellen, kurz vorzustellen. Denn der besondere Reiz der Schau liegt darin, dass wir als Besucher Gegensätze und Wahlverwandtschaften zwischen den Künstlern suchen und hoffentlich auch finden. Vielleicht erleichtern meine Worte ja dem einen oder der anderen ein wenig das Interpretieren und die Suche nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Dabei möchte ich mit den internationalen Gästen beginnen.

Robert Motherwell ist ein im Jahre 1991 verstorbener US-amerikanischer Maler. Er gilt als einer der Hauptvertreter des „Abstrakten Expressionismus“, der bestimmenden Stilrichtung der 50er Jahre. Bei Vis-à-vis wird eine Reihe von Lithographien der frühen 70er Jahre gezeigt. In dieser Zeit hatte der Künstler ein Atelier direkt am Strand des Pazifiks bezogen und ließ sich durch das Meer und das Aufspritzen der Gischt inspirieren. Manche seiner Zeichnungen mit spontanem schwarzem Strich, der sich in Farbspritzern auflöst, erinnern daran. Lithographie ist eigentlich das Medium für Reproduktionen. Hier wird es benutzt für Experimente mit einer neuen Bildsprache. Sie sind Beispiele für „Expressionismus pur“.

Sigmar Polke ist einer der wichtigsten Vertreter des „Postmodernen Realismus“. Er gehört zu den Malern, die aus der DDR in den Westen wechselten und Westdeutschland in der modernen Kunst ein eigenes, internationales Profil verliehen. Berühmt wurde Polke in den 60er Jahren durch seine Rasterbilder sowie dem Bild „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“.
Bei Vis-à-vis ist er mit einem sechsteiligen Werkzyklus vertreten, der seine ironisierende Bild-, Text- und Materialsprache zum Ausdruck bringt. Polke malt gerne auf Tischtücher, Plüschteppiche oder Wolldecken. Bei den ausgestellten Arbeiten druckt er Fotos und Bilder auf Buntpapiere mit farbigen Mustern und kombiniert sie mit Sätzen wie: „Wer hier nicht erkennen kann, muss selber pendeln!“ Ob Polke hier vielleicht die Kunstkritiker auf die Schippe nehmen wollte, sei einmal dahingestellt.

Bernd Zimmer lebt im benachbarten Landkreis Weilheim und gehört zur Gruppe der „Heftigen Malerei“. Sie sorgte Anfang der 80er Jahre für eine Aufbruchstimmung in der Kunst. Die Vertreter dieser Stilrichtung zeichneten sich – grob gesprochen – vor allem durch einen „heftigen“ Umgang mit Farbe, Kontrasten und Konturen aus.
Bei Vis-à-vis setzt sich Bernd Zimmer mit dem Motiv „Wüste“ auseinander, das er sowohl in Acryl als auch als Holzschnitt ausgeführt hat. Damit lässt er einen interessanten Vergleich zwischen den beiden Medien zu. Gerade Holzschnitte haben einen besonderen Platz in der Geschichte der deutschen Kunst – vom Mittelalter über Dürer bis in die Moderne, etwa bei der Künstlergruppe „Brücke“. Bernd Zimmer hat diese wichtige Technik weiterentwickelt und belebt. 1979 bezog er ein Atelier in Kaltenberg. In dieser Zeit malte er seine großformatigen Bilder von blühenden Rapsfeldern und Löwenzahnwiesen, die einen Durchbruch für seinen abstrahierenden Malstil von Landschaften und Naturgewalten bedeuteten.

Den Werken dieser internationalen Gäste stellen drei Künstler aus Eresing ihre Kunstwerke entgegen, die ich Ihnen nunmehr ebenfalls vorstellen möchte.

Karl Witti gehört zu den bedeutenden Graphikern der Gegenwart. Er ist vor allem als Bühnenmaler für die Passionsspiele in Oberammergau 2000 bekannt. In seinen zeichnerischen Werkreihen werden Natur- und Bildnisstudien mit historischen Themen auf einmalige Art und Weise kombiniert. Als wichtiger Vertreter des „Utopischen Realismus“ zeigt er Beispiele aus seinem mythischen Bilderkanon. Dieses Jahr steht der sogenannte „Engelzyklus“ im Mittelpunkt, der in den letzten fünf Jahren entstanden ist und ein sehr persönliches, meditativtraumhaftes Erlebnis beschreibt.

Alexander Ewgraf ist ein russischdeutscher Maler und Installationskünstler. Er gehört zur Gruppe der russischen Avantgarde, die sich nach „Glasnost“ um eine Erneuerung der gestisch-abstrakten Malerei und Plastik bemühten. Alexander Ewgraf wuchs in der Nähe des Baikalsees auf. Nach seinem Wehrdienst in der sowjetischen Luftwaffe studierte er Kunstgeschichte und angewandte Kunst an der Universität Irkutsk und wurde mit 25 Jahren Leiter des dortigen städtischen Museums. Nach einer wechselvollen Odyssee landete er schließlich in Eresing. Alexander Ewgraf gewährt uns einen Blick auf einen kleinen Teil seiner riesigen minimalistischen Skulptur, an der er schon ein Jahr arbeitet und die zu neuen Interpretationen über abstrakte Kunst verleitet.

Last but not least Tobias Krug: Er lernte zunächst Glas- und Porzellanmalerei in Neugablonz, bevor er an die Münchener Akademie der Bildenden Künste wechselte. Dort schloss er sein Studium 2001 als Meisterschüler bei Prof. Gosewitz ab. Tobias Krug gehört zu einer neuen Formierung in der Kunst – dem sogenannten „Konkreten Futurismus“. Dabei wird versucht, Zukünftiges schon heute in der Gegenwart sichtbar zu machen. Tobias Krug verwirklicht bei Vis-à-vis einen alten Menschheitstraum und installiert eine multimediale Raum-Zeitvertonung. Dort werden planetare Rhythmen hör- und sichtbar gemacht. Einen weiteren Teil seiner Exponate bilden Glasobjekte, die – ebenfalls zum Thema Raum und Zeit – neue Sichtweisen im wortwörtlichen Sinne eröffnen.

Abschließend darf ich mich bei den Künstlern für das Ermöglichen dieser Ausstellung sehr herzlich bedanken! Auch den Organisatoren der Veranstaltung, dem Künstler Herrn Alexander Ewgraf und dem Kurator, Herrn Christian Burchard, möchte ich meinen ganz besonderen Dank aussprechen. Mit „Vis-à-vis“ wird die bayerische Kunstlandschaft um ein ganz besonderes Highlight reicher!

Doch nun, meine Damen und Herren, ist es an der Zeit, die Kunst selbst zu Wort kommen zu lassen. Uns allen wünsche ich noch eine anregende Auseinandersetzung mit den präsentierten Kunstwerken. Der Ausstellung „Vis-à-vis“ wünsche ich zahlreiche Besucher und viel Erfolg!

 

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